Suchtalternative Natur: Motivation – Hoffnung – Perspektive

4-tägige selbstorganisierte Zeltfreizeit im Münsterland
für Männer der besonderen Wohnform des Gustav-Heinemann-Hauses

Zeitraum:  Dezember 2017 – Juni 2018

Der Zeltfreizeit gingen vier Vorbereitungstreffen voraus.
Beim ersten Treffen haben sich die Teilnehmer über ihre Zelt-/Urlaubserinnerungen ausgetauscht. Einige Männer haben in ihrem Leben noch keinen Urlaub verbracht oder es war schon viele Jahre her. Nach der Vorstellung unterschiedlichster Freizeitangebote haben sich die Teilnehmer für eine Kanutour und für das Angeln entschieden. Beim zweiten Treffen wurden u.a. gemeinsame Regeln für die Freizeit erstellt. In Gruppen wurden beim dritten Treffen Essenslisten und Materiallisten erstellt und zusammengetragen und das letzte Treffen diente weiteren organisatorischen Absprachen.

Anzahl der Teilnehmer/innen:
Bis zum Tag der Abfahrt gab es etliche An- und Abmeldungen und von den zuletzt 11 angemeldeten Personen waren am Abfahrtstag 8 Teilnehmer anwesend. Wir vermuten, dass bei einigen Bewohnern der Suchtdruck dazu geführt hat, sich von der Freizeit abzumelden und die angesparte Eigenbeteiligung wieder auszahlen zu lassen. Leider hatte ich vergessen, mir von den Angemeldeten eine vorbereitete Erklärung unterschreiben zu lassen, bei der eine Rückerstattung nur durch Vorlage eines ärztlichen Attests stattgefunden hätte. Andere Personen mussten das Haus verlassen, ebenso war eine Person durch den Beginn einer Maßnahme verhindert.

Ein Teilnehmer wurde aus familiären Gründen einen Tag später abgeholt, sodass wir die Zeltfreizeit mit 9 Teilnehmern und zwei Pädagogen durchgeführt haben.
Eine Pädagogin ist krankheitsbedingt ausgefallen und wurde von einem Sporttherapeuten, der als Honorarkraft im Gustav-Heinemann-Haus tätig ist, vertreten.

Situation zu Beginn des Projektes:
Nach dem Verladen des Materials und des Gepäcks sind wir nach einer Stunde Fahrtzeit am Campingplatz Seepark Ternsche angekommen. Die Teilnehmer haben sich beim gemeinsamen Aufbau der Zelte und des Gruppentreffpunkts gegenseitig unterstützt und so gestaltete sich diese Zeit vollkommen unkompliziert. Dies setzte sich bei der Essensvorbereitung, dem Grillen und dem anschließenden Spülen fort. Nachdem Erkunden der Umgebung fielen die Rückmeldungen bei der gemeinsamen Abendrunde sehr positiv aus.

Einige Zitate:
- „Der erste Tag war toll. Ich genieße es, vom Lärm der Stadt weg zu sein.“
- „Ich konnte sehr gut abschalten und war ganz im hier und jetzt.“
-„Die Atmosphäre hat mir gut gefallen. Es war sehr entspannt.“
- „Ich könnte für immer hier bleiben.“
- „Es hat bisher alles gut geklappt. Es ist schön chillig.“


Weiterer Verlauf der Freizeit

Nach den üblichen Aufgaben, wie Einkaufen, Tischdecken, Salatzubereitung, Grillen, Abräumen und Spülen stand der zweite Tag zur freien Verfügung. Die Bewohner haben das Umfeld erkundet, gingen schwimmen, spielten Boule und am Nachmittag ließen sich fast alle zum Beachvolleyball motivieren. Das war ganz sicher nichts fürs Auge und längere Spielzüge kamen nicht zustande, aber die gemeinsame Aktion und der Spaß standen im Vordergrund und sorgten für eine gute Atmosphäre.

Am dritten Tag war die Fahrt in einem 11er Kanu das geplante Highlight. Nach der einstündigen Fahrt nach Münster erhielten wir von einer Mitarbeiterin des Kanucamps Münsterland eine Einweisung und die vorgesehene vierstündige Fahrt konnte beginnen. Nach kurzer Zeit wurde bereits deutlich, in welch schlechter körperlicher Verfassung sich mancher Bewohner befand. Schon nach einer Stunde mussten wir an einer nicht öffentlichen Stelle an- und eine Pause einlegen und die Gruppe beschloss, sich wieder auf den Rückweg zu machen. Durch eine Veränderung der Sitzpositionen erwies sich die Rückfahrt als sehr beschwerlich. Erschöpfung und Frustration sorgten für schlechte Stimmung und hatten negative Auswirkung auf den Kurs des Kanus. Sicher hätten sich einige Personen dieser Situation entzogen, was jedoch nicht möglich war. So legten wir schon nach 2,5 Stunden anstelle der vorgesehenen 4 Stunden wieder an, jedoch um viele wertvolle Erfahrungen reicher. Die Rückfahrt diente der Reflexion und so kehrten wir hungrig aber mittlerweile wieder gutgelaunt zum Zeltplatz zurück.

Der Abreisetag war mit Aufräumen und Abbau ausgefüllt.
Der überwiegende Teil der Teilnehmer hatte zuvor keine Erfahrung in der Haushaltsführung und aufgrund der Vollversorgung im Gustav-Heinemann-Haus waren eigentlich selbstverständliche Dinge wie Einkäufe, Mahlzeitzubereitungen, das Tischdecken, das Spülen und selbst die gemeinsame Einnahme der Mahlzeiten ungewohnt, da das Mittagessen zwischen 12:15 Uhr und 13:00 im Speisesaal des Hauses gereicht wird und einige Bewohner das Essen auch mit auf ihr Zimmer nehmen.

Projektziele:
In der Abschlussrunde hat eine Person ihren vertrauten Rahmen vermisst, ansonsten gab es ausschließlich positive Rückmeldungen. Alle Teilnehmer wären gern noch einige Tage länger geblieben.
Als Pädagogenteam kommen wir ebenfalls zu einer positiven Bewertung der Zeltfreizeit. Die gemeinsame Zeit hat sich auf die Beziehungen zu uns und untereinander positiv ausgewirkt, ebenso hat das längere Zusammensein einen tieferen Einblick in die Lebenswelt, aber auch in die Störungsbilder, der Bewohner gegeben.


Die vielfältigen Erlebnisse und Naturerfahrungen hatten positive Auswirkungen auf alle, ebenso auf das Konsumverhalten der Teilnehmer, die Suchtprobleme haben.
Ich denke, dass diese vier Tage positiv prägend sind für die weitere Entwicklung der Teilnehmer und ich danke der Karl-Heinz und Hannelore Bösken-Diebels-Stiftung für die Förderung der Zeltfreizeit. Ohne ihre Unterstützung wäre die Durchführung der Zeltfreizeit nicht möglich gewesen.

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